Lampertheim. Neun Minuten Zeitgewinn: Das ist die Zielvorgabe für die Bahn bei der Planung der ICE-Neubautrasse zwischen Frankfurt und Mannheim.

Neun Minuten, die in der Relation zu allgemeinen Zeitverhältnissen unbedeutend scheinen – und die doch wohl entscheidend sind für die Frage der Trassenvariante. Inzwischen geben sich die Mitglieder der im Februar 2009 gegründeten Bürgerinitiative „Lebensraum vor ICE-Trasse“ (Bila) keinen Illusionen mehr hin: Will die Bahn ihre Zielvorgabe erfüllen, wird sie den Weg wählen, den sie für den wirtschaftlichsten hält.

Die bisherigen Sitzungen im 2016 einberufenen Beteiligungsforum der Bahn haben die Bila-Vertreter in dieser Einschätzung eher noch bestärkt. Die Enttäuschung ist groß; im Gespräch mit dieser Zeitung beklagen die Bila-Mitglieder Manfred Back, Karl Heinz Barchfeld und Ulrich Guldner oberflächliche Diskussionen und mangelnde Detailinformationen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die gewünschte Einrichtung eines Projektbeirats bislang abgelehnt worden sei. In ihm hatten sich die Mitglieder der Bürgerinitiative einen direkteren Einfluss auf die Planungen erhofft.

Stattdessen heißt es nach wie vor: Warten. Seit zwei Jahren stehen die Ergebnisse jener Knotenstudie aus, die prüft, wie das Bündel der Personen- und der Güterverkehre mit dem Mannheimer Hauptbahnhof verknüpft werden soll. Dabei werden Verkehrsprognosen für das Jahr 2030 zugrunde gelegt – zu kurz, finden die Bila-Sprecher. Denn wenn der erste ICE über die neue Strecke rollen wird, seien diese Prognosen längst überholt.

Mittlerweile hat die Bahn zu erkennen gegeben, dass sie auf der neuen Schnellbahnstraße nachts Güterzüge laufen lassen möchte. Doch mit Blick auf die voraussichtlich starke Zunahme des Güterzugverkehrs plädiert die Bürgerinitiative auf einen Ausbau der Trasse auch für Güterzüge. Eine insgesamt vierspurige Schienenstrecke, so vermuten sie, würde wohl kaum durch den Lampertheimer Wald geführt werden. Doch sie gehen andererseits nicht davon aus, dass die Bahn eine solche Option wählt – aus wirtschaftlichen Gründen. So wird aus Sicht der Bürgerinitiative eine Gesamtlösung verfehlt, die nicht nur die Belange des Personenschnellverkehrs, sondern auch die des zunehmenden Güterverkehrs berücksichtigt.

Für die Bestandsstrecken fürchten Bila-Sprecher Ulrich Guldner und seine Mitstreiter jedenfalls erhöhte Lärmbelastungen, zumal die Bahn ihre hohen Qualitätsstandards bisher nur an Neubaustrecken umsetzt. In der Interessengemeinschaft Bahnregion Rhein-Neckar (IG BRN 21) solidarisiert sich die Bila im Kampf gegen die Belastungen, die mit der Zunahme des Güterverkehrs auf den Bestandsstrecken erwartet werden.

Doch auch nach knapp zehn Jahren sieht sich die Bürgerinitiative der gleichen Bedrohung ausgesetzt wie 2008: jener Trasse nämlich, die den Wald bei Neuschloß in einer Diagonale zerschneiden würde. Dies ergibt sich nach Auffassung der Bila-Sprecher vor allem aus der Logik des Bewertungssystems der Bahn, mit dem die unterschiedlichen Schutzgüter – Mensch, Natur, Fläche, Wirtschaftlichkeit – gewichtet werden. Demnach wird der ICE genau auf jener Trasse verkehren, die in Lampertheim seit einem Jahrzehnt bekämpft wird.